Der Fall der Mauer brach auch im DDR-Sport das Eis. Die jahrzehntelang unter der Fuchtel des autoritären Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) diskriminierten Eishockey-Sportler der DDR durften diese sensationelle Entwicklung mit großer Erleichterung sogar wörtlich nehmen. Für die Kufen-Jäger, denen von der Politik und Sportführung immer wieder Sand unter die Schlittschuhe gestreut worden war, veränderte sich nahezu alles. »Es war wie ein Schritt zurück ins Paradies«, sagte der Vereinsvorsitzende vom DDR-Meister Dynamo Weißwasser, Rüdiger Noack, einmal zu der verwandelten Atmosphäre. Die Bundesliga-Aufnahme der Oberlausitzer, die ihren Namen von SG Dynamo Weißwasser in Polizei-Eishockey-Verein (PEV) Weißwasser umtauften, und des früheren SC Dynamo Berlin, jetzt EHC Dynamo Berlin, war zum Schluß nur noch die Krönung.

Noch wenige Monate zuvor hatten Meldungen vom DDR-Eishockey wie Verrücktheiten aus Absurdistan geklungen. Da wurde zum Beispiel bekannt, daß die Sportführung der Eishockey-Truppe finanzielle Prämien fürs Verlieren zahlte. Ja, richtig, so unglaublich es sich anhört: Belohnt wurden absichtliche Niederlagen in der B-Gruppe der WM, damit das Team nicht aufsteigen muß in die A-Gruppe. Noch leichter machte es sich die Sportführung bei Olympia. Trotz erfolgreicher Qualifikation durften die Eishockey-Spieler nicht nach Sarajevo oder Calgary, ein Stück aus dem Tollhaus.

Das alles ist vorbei, so wie es zu Ende ging mit der »kleinsten Meisterschaft der Welt«, in der der letzte immer auch der Vize-Meister war. Das allerletzte der ewigen Zweier-Duelle zwischen Weißwasser und Ost-Berlin endete mit dem Jubiläum, mit dem 25.Triumph für Weißwasser im 41. und letzten Meisterschaftsjahr des DDR-Eishockeys. Die Spieler aus der Glasbläserstadt hatten nur einen »Hänger« in der dritten Serie. Die ersten zwei Serien gewann Weißwasser sicher jeweils nach dem aus Kanada bzw. aus der Bundesliga übernommenen System »best of five« 3:0. Die dritte Serie ging ebenso glatt 0:3 verloren. Die Entscheidung fiel wiederum durch ein 3:0 für Weißwasser in der vierten Serie.

Doch die Konzentration galt längst nicht mehr diesen »Evergreens« zwischen den immer gleichen Gegnern, alle Aufmerksamkeit richtete sich auf die Zukunft. Die DDR-Fans nahmen die neuen Perspektiven mit riesiger Begeisterung auf.

Stimmungsmäßig konnte das fachkundige Publikum in Weißwasser immer schon mithalten. Das Freiluft-Stadion gilt als eine besonders »laute« Arena, ein wahrer Hexenkessel. Jahrzehntelang wurde hier eine große Eishockey-Tradition begründet.

Wie oft Weißwasser allerdings im Wilhelm-Pieck-Stadion (12500 Zuschauer) spielen kann, hängt vom Wetter und der Bundesliga ab. Renoviert wurde bereits eine kleine Halle für 3000 Besucher. Früher hieß der Verein, der den DDR-Titel erstmals 1951 gewann, »Ostglas« Weißwasser. Eishockey hatte für die Stadt und ihre rund 37000 Einwohner so große Bedeutung, daß sogar ein Poststempel mit dem Abbild eines Pucks herausgegeben wurde, der noch heute unter Briefmarken-Experten als gut bezahlte Rarität gesammelt wird.

Die örtlichen Bedingungen sind ideal. Alle zwölf Schulen der Stadt könneu die Freiluft-Eisfläche die ganze Woche über - außerhalb der Trainingszeiten - für die Schüler benutzen. Nach der Wende ist auch die Punktspiel-Arena für den Publikumslauf teilweise und zeitweilig freigegeben worden. Der einstige Bürgermeister Otto Bräsigk hatte einmal geschätzt, »daß sich gut 50 Prozent« aller Einwohner seiner Eishockey-Stadt »sehr gut und geschickt auf Schlittschuhen bewegen können«, eine wohl nicht einmal in kanadischen Hockey-Metropolen auch nur annähernd erreichbare Quote.

Die Atmosphäre ist gewollt familiär geblieben. Immer noch jubeln die Massen bei Heimspielen zum Beispiel dem mittlerweile 67jährigen Paul Mann zu, der als Stürmer in den 50er Jahren sieben Meistertitel nach Weißwasser holte. Der Glasform-Ziseleur, der ursprünglich einmal die Försterei gelernt hatte, half in diesem Jahr noch kräftig mit der Axt aus, als auf der Anlage einige morsche Bäume gelichtet werden mußten. Die Weißwasseraner halten zusammen und haben so immer wieder zur rechten Zeit fürs Eishockey Talente herausgebildet. So ist der Super-Torwart Thomas Bresagk inzwischen als würdiger Nachfolger der »schwarzen Maske« Klaus Hirche anerkannt.

Ralf Hantschke, Andreas Gebauer, Harald Rölke, das sind aus Weißwasser andere Namen, die über kurz oder lang auch in einer Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) Berücksichtigung finden könnten. Ost-Berliner »Namen« im Eishockeysport sind auch die Internationalen, Torwart Reue Rielke, Verteidiger Joachim Lempio und die Stürmer Thomas Graul, Harald Kuhnke, Detlef Radant, Stefan Steinbock und Guido Hiller. Steinbock und Hiller haben schon so etwas wie Bundesliga-Erfahrung, wenn auch auf merkwürdigen Wegen, bekommen. Sie waren bereits einmal in den Westen geflüchtet, fanden eine Weile Unterschlupf beim Mannheimer ERC, kehrten aber nach der »Probezeit« wieder, vorwiegend aus privaten Gründen, in die DDR zurück. Dort wurden sie wieder aufgenommen, ohne wegen »Republikflucht« bestraft zu werden. Steinbock weilt aber inzwischen wieder in Landshut.

Mit der gewaltigen Kulisse von Weißwasser ist die Lage in Ost-Berlin nicht zu vergleichen. Zu manchen Heimspielen verlieren sich im alten Dynamo-Komplex, bei dem an vielen Stellen häßlich der Putz bröckelt, weniger als 2000 Fans in dem zugigen, kalt wirkenden Stadion. Gegen Ende der 80er Jahre haben die Weißwasseraner den Ost-Berlinern, nachdem diese neunmal in Folge den Titel gewonnen hatten, doch wie früher wieder den Rang abgelaufen. Die Ost-Berliner konnten den personellen Aderlaß nicht rechtzeitig ausgleichen und verkraften.

Dazu kamen Verletzungen, die große Lücken in das Mannschaftsgefüge rissen. Hiller, Prusa, Deutscher, Mitew und zuletzt auch Kapitän Lempio erwischte es. Allein mit konditioneller Mehrarbeit war der gerissene Spielfaden nicht wieder zu knüpfen. Immerhin: Die Ost-Berliner kämpften, gaben nie auf und jagten ihrer Konkurrenz einen Heidenschrecken mit dem Gewinn der dritten Serie ein. Ein Achtungserfolg gelang dem ehemaligen SC, jetziger EHC Dynamo Berlin bei zwei Freundschaftsspielen gegen die Eishockey-Preussen aus der Bundesliga. Im Stadion an der West-Berliner Jaffee-straße siegten die Ost-Berliner ebenso wie zu Hause. Preussen-Trainer Olle Öst war frustriert, hatte er sich doch schon über das 3:4 auf eigenem Eis sehr geärgert und Revanche angekündigt. Doch es folgte in Ost-Berlin ein noch klareres 1:4. Die Hohenschönhauser begeisterten rund 7000 Fans und holten sich auch die besondere Prämie des »Haxen-Wirts« aus Wilmersdorf im Westen der Stadt, der für das erste Tor als Belohnung ein Essen spendiert hatte. Radant holte sich die »Schweinshaxen« mit dem 1:0 in der 24. Minute.

Auch international konnte sich die Leistung des DDR-Vertreters aus Weißwasser im Europacup der Meister sehen lassen. In der Vorrunde trotzten die DDR-Cracks dem Deutschen Meister SB Rosenheim in Zagreb ein verdientes 3:3 ab und schlugen Gastgeber Zagreb 8:6. Nur wegen des schlechteren Torverhältnisses zogen die DDR-Spieler gegenüber Rosenheim den kürzeren.

Vereinsnamen haben sich geändert, die Bedingungen sind völlig neu, sind freundlicher für das Eishockey in der DDR geworden. Der alten Zeit, die von Willkürmaßnahmen auch gegen die Puck-Spieler geprägt war, muß niemand hinterhertrauern. Wohl aber werden auf dem Eis und an der Bande einige prominente Namen fehlen, die dem DDR-Eishockey unter den schwierigen Verhältnissen der Vergangenheit viel gegeben haben. So wurde der international geachtete Auswahl-Trainer und frühere Spieler Hans Joachim Ziesche durch Rüdiger Noack (Weißwasser) abgelöst. Seinen Abschied gab der langjährige Auswahl-Kapitän Dieter Frenzel. Der drahtige Verteidiger mit der Nummer fünf auf dem Rücken legte das rot-weiße Trikot von Dynamo Berlin ab und wurde der erste DDR-Spieler, der in der Bundesrepublik gastierte. Beim EC Ratingen mußte er als »Ausländer« spielen.

Die Frenzels, eine traditionsbeladene Eishockey-Familie im DDR-Sport. Vater Hans Frenzel brachte es in den fünfziger Jahren zusammen mit Ziesehe in der damaligen Auswahl auf 61 Länderspiele. »Das Eis zog mich schier magisch an. Ich kiebitzte, begleitete Vater oft zum Training«, erinnert sich Dieter Frenzel. Er übertraf sein erstes Vorbild bei weitem, kam auf 799 Auswahl-Einsätze, nahm an 14 Weltmeisterschaften der A- oder B-Gruppe teil. Daneben kamen persönliche Entwicklungen nicht zu kurz. Frenzel schloß sein Studium als Staatswissenschaftler erfolgreich ab. Die besondere Liebe aber gilt weiterhin dem Eishockey. In einem Interview mit der Ost-Berliner Zeitung »Deutsches Sportecho« sagte er auf die Frage, was er mit seinem Schläger einmal anfangen wolle: »Der wird auf alle Fälle gut verwahrt werden. Vielleicht kann ihn jemand aus meiner Familie noch mal benutzen.« Sohn Mathias kommt dafür in Frage, der Siebenjährige steht schon auf Schlittschuhen und will Vater und Großvater nacheifern. Die Verdienste von Dieter Frenzel wurden vom DDRVerband so hoch geschätzt, daß er dem Oldtimer im Frühjahr eine Ausnahmegenehmigung für Ratingen erteilte.

Auch Joachim Ziesche, der ruhige, gemütliche Riese an der Bande, wird dem DDR-Eishockey auf seine ganz spezielle Weise fehlen. Auch wenn seine Ablösung fast zwangsläufig war und von niemandem mehr zu verhindern war. Nachfolger Rüdiger Noack sagte es so: »Joachim Ziesche hat über 20 Jahre eine verdienstvolle Arbeit geleistet. Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Dennoch waren gerade in letzter Zeit Substanzverluste im Team spürbar. Man hatte manchmal den Eindruck, daß die Spieler nicht mehr richtig mitzogen.« Das sei ein Hintergrund dafür gewesen, daß zunächst ein kommissarisch eingesetztes Trio mit den Trainern Nickel, Herzig und Noack vom Eishockey-Verband beauftragt wurde.

Kein Zweifel, das DDR-Eishockey ist aus dem erzwungenen Dornröschenschlaf erweckt worden. »Endlich, endlich!« jubelte »Deutsches Sportecho« in einem Bericht, in dem Crimmitschau als drittes Leistungszentrum ab 1990 vorgestellt wurde. Unter dem Druck der Basis habe sich die DTSB-Führung wieder ihres seit 1970 mehr oder minder auf die Strafbank verbannten Stiefkindes erinnert. Soviel Porzellan sei durch bürokratische, gedankenlose Beschlüsse zerschlagen worden. »Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt ... « hieße nun das Motto.

Ein besonders engagiertes Plädoyer für die Wiederentdeckung des Eishockeys auch in Crimmitschau, einer traditionellen Hochburg früherer Jahrzehnte, hielt Peter Kolbe, der einmal als Mann mit der »weißen Maske« in den 60er Jahren als DDR-Torwart in die Eishockey-Geschichte einging. Es gelte jetzt, »den Enthusiasmus der Leute zu nutzen«. Es dürfe keine Zeit verloren werden. Von der Bildung von Nachwuchsmannschaften in Rostock als einem möglichen vierten Leistungszentrum, in Halle, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) war schnell die Rede. Der so lange in die Ecke abgedrängte DDR-Eishockeysport drängt mit Macht in den Mittelpunkt als Publikumssportart.

[Hans-Rüdiger Bein]

 

Die Aufgebote der DDR-Klubs in der letzten DDR-Saison

SG Dynamo Weißwasser:

Tor: Ingolf Spantig, Thomas Bresagk, Ulf Siegmund

Verteidigung: Jochen Hördler, Michael Bresagk, Tom Giibel, Gerd Vogel, Olf Engelmann, Torsten Hanusch, Andreas Ludwig, Frank Liebert, Marco Braun Angriff: Ralf Hantschke, Andreas Gebauer, Harald Rölke, Henry Domke, Hubert Hahn, Torsen Eisebitt, Steffen Thau, Jörg Handrick, Frank Peschke, Ron Noack, Falk Ozellis, Maik Bader, Sven-Ulf Schur

Trainer: Roland Herzig/Rolf Bielas

SC Dynamo Berlin:

Tor: Rene Bielke, Ralf Kößling, Andre Dietzsch

Verteidigung: Torsten Deutscher, Dirk Perschau, Joachim Lempio, Uwe Geisert, Torsten Kienaß, Frank Möller, Frank Krause

Angriff: Martin Naster, Steffen Mitew, Jan Schertz, Thomas Graul, Detlef Radant, Harald Kuhnke, Stefan Steinbock, Sven Prusa, Guido Hiller, Frank Proske, Steffen Ziesche, Robert Schmidt

Trainer: Hartmut Nickel/Bernd

[Karrenhauer]